… wollt ihr wirklich so einen Bericht. Na gut, dann lest hier den Bericht von Robert über die …
Trans Germany 2009 (oder: Leiden auf hohem Niveau)
1. Tag: Erbach – Frammersbach
Es geht locker los, die ersten 30 Kilometer sind nur zum Spaß, da Hessen keine Renngenehmigung erteilt hat. Wir dödeln bis zum neutralisierten fliegenden Start. Aber dann geht es ab. Die Beine sind locker, der Kopf ist gierig. Ich gebe Gas und Ralf bleibt dran. Irgendwann ist er weg (muss ja Fotos machen). Eigentlich wollten wir zusammen ins Ziel, aber die letzte Verpflegungsstelle war nicht da und so stand ich plötzlich allein im Ziel. Nicht lange, Ralf war auch gleich da. Alles gut! Etwas später klärt mich meine Polar-Uhr darüber auf, dass ich fast gesamte Etappe im roten Bereich unterwegs war … verdammtes Rennfieber, gar nicht gemerkt … noch nicht.
2. Tag: Frammersbach – Bischofsheim
Es geht locker weiter. Ralf fährt vorne, ich hänge mich dran. Na ja, war ja klar, nach dem Einsatz gestern. Der Boden ist nass, Konzentration ist angesagt. Das letzte Stück ist eine lange und schwierige Abfahrt: Schlamm, Wurzeln und jede Menge Mountainbiker, die ihr Rad da runter tragen – ich nicht. 
Und da steht nun einer vor mir, das Rad unterm Arm, quer zur Fahrrichtung natürlich, steht er da wie eine Wand. Ich leite ein fachmännisches Überholmanöver ein, in dem Moment steigt der fast Überholte auf, rollt los, schneidet mir den Weg ab, ich bremse, Abgang über den Lenker, touch down mit zwei Kontaktpunkten: Ein Stein fürs Knie, ein Stein für den Oberschenkelknochen. Es tut nicht gleich weh, aber es wird wehtun, das sagt mir schon die ballistische Schnellanalyse meiner großzügigen Flugbahn. Also: Bremse prüfen, Schaltwerk checken … und weiter, so lange das Adrenalin den Schmerz verdrängt. Im Ziel entdeckt Ralf anatomische Veränderungen an mir. Ab zum Race Doc. Der kann sich nicht zwischen Begeisterung und Mitleid entscheiden. So ein dickes Knie hat er schon lange nicht mehr gesehen, aber für’s Radeln taugt das nicht. Lange Gesichter … und eine Nacht, die es in sich hat.
3. Tag: Bischofsheim – Oberhof
Heute kommt die Königsetappe, sagt der Rennleiter, 2700 Höhenmeter auf 98 Km Länge. Prima, das hat Format, genau wie mein Knie. Viel schlimmer ist aber die Prellung auf meinem Oberschenkel, ich kann nicht mal in die Hocke gehen. Wie soll ich da radeln? Aber selbst wenn ich heute aussetzen wollte: Ich muss zumindest mit dem Rad vom Hotel zum Startbereich kommen, denn da ist die ganze Logistik. Das sind 2 Kilometer mit einem Messer im Oberschenkel. Unterwegs stellt sich die Frage: Was tut mehr weh, das Bein oder heute aus der Wertung zu fallen. Klare Sache, ich habe zwei Beine aber nur eine Wertung, ich versuche es. Ich bin kein Jammerlappen, ab das war wirklich hart. Siebeneinhalb Stunden hat mein Bein diese Entscheidung bei jeder einzelnen Kurbelumdrehung stichhaltig kommentiert. Sorry, aber da gibt es keine einzige Sekunde, über die ich berichten möchte – außer dem Zieleinlauf. Ralf hat die Zeit genutzt, steht geschniegelt und gestriegelt im Ziel, hat schon das Zimmer organisiert und macht einen hervorragenden Job als Krankenpfleger. Dass wir in der Pension das Zimmer mit dem Behindertenklo bekommen haben, damit hätte er aber angeblich nichts zu tun. Wer’s glaubt….
4. Tag: Oberhof – Bad Steben
Hatte der Rennleiter nicht schon gestern was von Königsetappe gesagt? Hat sich wohl geirrt, denn die kommt ja heute. 2400 auf 120 Km Länge. Ein Gefühl der Gleichgültigkeit beschleicht mich. Was soll schon passieren? Das Bein könnte abfallen. Na und, dann kriege ich das Finisher-Trikot bestimmt als Trostpreis und kann zukünftig bei den Paralympics antreten. Aber den Gefallen tut mit das Bein nicht. Es folgen wiederum 7,5 Stunden im Sattel. Diesmal fahre ich aber recht entspannt, der Schmerz im Bein trifft sich mit den Genüssen im Kopf, denn die Streckenführung ist toll. Mir fällt heute zum ersten Mal auf, dass es hier Bäume gibt, dass Vöglein zwitschern, Bächlein fließen, hach .. und mitten drin lauter Radfahrer, die irgendwie sehr gestresst wirken. Ommmmm … fully chilled komme ich im Ziel an. Das Zimmer ist direkt in der Nähe, die Pastaparty ist saulecker und mein Bein zwinkert mir zu.
5. Tag: Bad Steben – Schöneck
Man soll ja auf seinen Körper hören. Also, Vollgas. Vom Start weg hänge ich mich an Ralf dran, der zieht zunächst ein gutes Tempo an, dann wechseln wir uns mit der Führung ab. Cool, super Teamarbeit, so muss das sein, wir ziehen uns gegenseitig Kilometer um Kilometer, der eine spürt, wann der andere hängt, es kommt flow feeling auf. Meine leidgeprüfte Seele saugt jedes Überholmanöver auf, wir lassen etliche Fahrer rechts liegen, die mir an den beiden Vortagen freundlich aber bestimmt davon gezogen waren. Am Ende kommen Ralf und ich gemeinsam im Ziel an. Ich merke allerdings, dass mir die ewige Feuchtigkeit (seit Tagen Regen oder Nässe) zusetzt. Schnell das Rad abspritzen, schnell was zu essen reinstopfen, dann der Kampf ums Shuttle zum Hotel. Auf dem Weg zum Hotel schwärme ich noch davon, dass wir heute endlich in die Sauna gehen. Kaum im Hotelzimmer, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg: Mein Herz wummert mit schweren Schlägen, meine Verdauung spielt verrückt (keine Details!) und ich fühle mich einfach richtig schwach. Ich messe meinen „Ruhe“puls … und sage ihn hier lieber nicht. Der Fachmann weiß: Überlastungssymptome. Mensch Gaiswinkler, Du lernst es nie, warum bist Du heute nicht einfach Dein Ding gefahren und hast Dich wieder an den zwitschernden Vöglein erfreut. Aber nein, Du machst Dich platt. Es folgt wiederum eine fürchterliche Nacht, mit Schweißausbrüchen, von denen die Bettwäsche trieft und dem festen Entschluss, die nächste Etappe auszusetzen – leck mir anne Füße, rien ne va plus. Um 4:30 schlafe ich ein.
6. Tag: Schöneck – Oberwiesenthal
Und um 6:15 klingelt der Wecker, denn das Gepäck muss bis um 7:00 abgegeben sein. Irgendwie kann ich mich an Ralfs permanenter guter Laune heute morgen nicht erfreuen (was ihn wenig kümmert). Aber etwas ist anders: Der Gedanke, heute nicht zu fahren, ist schlicht inakzeptabel. Was soll ich denn sonst machen, ich kann doch nichts anderes. Was auch immer gestern war, heute ist es vorbei. Ich verneige mich dezent vor mir selbst und finde, dass Ralf ein Weichei ist, weil es ihm so gut geht. Die Etappe ist, wer hätte es gedacht, ganz schön feucht. Und ein weiteres Mal kommen die ganzen fetten Höhenmeter zum Schluss – wie ich das hasse. Es geht auf den Fichtelberg. Der Rennleiter hatte heute morgen im personal briefing schon so ein irren Blick drauf – jetzt weiß ich warum. Eine endlose, schnurgerade Schotterrampe fräst sich durch Landschaft.

Man sieht nur zwei Dinge: Es ist noch sehr weit und es wird immer steiler. Donnerpfurz und Krötenkacke, wer hat mich hier angemeldet, er ist schon so gut wie tot! Zu allem Überfluss gesellt sich ein Einheimischer mit seinem Klappmountainbike von Ikea zu mir, radelt locker neben mir her und fragt mich Löcher in Bauch, wie ich das Rennen so finde, warum ich das mache und überhaupt. Zum Glück spreche ich fließend Sächsisch: Mach Disch vom Agger oder’s gibt was uffn Nischel!
7. Tag: Oberwiesenthal – Seiffen
Zum letzten Mal: Gepäck abgeben, Frühstück in Strampelhose, rumgammeln nach dem Einchecken im Startblock. Ein letztes Mal AC/DC’s Highway to Hell als Grölhymne zum Start. Was soll ich bloß machen, wenn ich wieder zu Hause bin. Aber diese Frage ist gleich weg. Die letzte Etappe ist kurz, es wird gnadenlos geheizt. Am Anfang siegt mein Verstand, schweren Herzens lasse ich Ralf ziehen. Der arrogante Sack dreht sich nicht mal mehr um. Aber dann überholen mich einige Typen, die ich von Anfang an unsympathisch fand. Das geht ja nun gar nicht. Und wie soll man sich überlasten, wenn man schon überlastet ist. Also: Vollgas, vielleicht kriegste Ralf ja noch, man lebt nur einmal. So richtig Vollgas ist es dann doch nicht, irgendein Funken Verstand will einfach nicht erlöschen. ABER DANN ENDLICH: Heimatland, wir kommen auf die Strecke vom Seiffen-Marathon, da kommt Freude auf, erst die Abfahrt in den Seiffener Grund, dann die Kultrampe zur Alp de Wettin, noch mal über 20% Steigung, das ist mein Ding. Und natürlich sitzt da am Ende der Steigung wieder der Klugschwätzer auf seinem Gerüst, verkündet per Mikrofon unüberhörbar, wer da gerade den Berg hochkraucht und irgendwie weiß er genau, welcher Spruch nötig ist, damit die Leute noch mal richtig Gas geben … vor Wut! Was soll ich sagen: Ich komme im Ziel an und bin etwas misstrauisch, ob das nur eine getarnte Verpflegungsstation ist. Aber da steht ZIEL. Jaaaa uffi knuffi brüll gröl Faust geballt und Zähne gefletscht.

Und was sehen meine verdreckten Glubscher: Ralf steht an der Brötchenbude und mampft, der kann auch gerade erst angekommen sein. Tatsächlich haben mir am Ende noch 5 Minuten auf Ralf gefehlt, dann hätten wir gemeinsam ins Ziel rollen können. Ich suche krampfhaft nach dem Funken Verstand, der heute mein Tempo gemacht hat, so war’s genau richtig. Aber der hat sich verzogen, das Herz schlägt jetzt anders: GESCHAFFT – DURCHGEKOMMEN – YES, I CAN!
Fazit:
Was meine Renneinteilung angeht, bin ich mit dem Intellekt eines Einzellers vorgegangen. Das ist um so peinlicher, da ich vor dem Event gern kluge Vorträge darüber gehalten habe, wie wichtig es ist, das Ganze nicht zu schnell anzugehen. Mit einigem Abstand und nach Auslesen meiner HF-Kurven weiß ich ziemlich genau, warum das nicht gut gehen konnte. Auch ohne den Sturz wären meine Tagesformen höchst unterschiedlich ausgefallen. Es gab viel zu lernen, in jeder Hinsicht, körperlich, geistig, seelisch, sozial und vom (Un)Sinn des Lebens. Es gab leider auch einige schwere Stürze, deren Bilder mich noch Tage danach nicht losgelassen haben. Das befriedigende Gefühl, diese Herausforderung bewältigt zu haben mischt sich nun mit jedem Tag mehr mit dem Respekt vor der nächsten Aufgabe, die um einiges härter ausfallen wird und weniger Fehler verzeiht: Die Transalp!
Ihr hört von mir.